Die Berufung Israels im Blick auf die Nationen

Von Geri Keller - Schleife Stiftung, Schweiz
Dieser Artikel wurde dem "Prophetischen Bulletin Nr 2 2008" der Schleife Stiftung entnommen:
http://www.schleife.ch

 WIE HÄNGT ISRAELS BERUFUNG MIT DEN VÖLKERN ZUSAMMEN?
Es scheint, dass Gott dies immer zusammen sieht. In diesem Kontext hat Israel den prophetischen Auftrag, den Nationen Gottes Sicht für die Welt zu vermitteln. Es besitzt aber auch eine geistliche Vaterschaft, Segensträger für die Völker zu sein. Schliesslich gehört zu seiner Berufung, den Völkern Gottes Herz und Willen zu offenbaren. Dieser grundlegende Beitrag von Geri Keller ist ein Auszug aus seinem Booklet «Israel und die Nationen - eine neue Partnerschaft»
(Schleife Verlag).

1. DER PROPHETISCHE AUFTRAG ISRAEL IST DER VERMITTLER
VON GOTTES PERSPEKTIVE FÜR DIE NATIONEN

Meines Erachtens haben die Juden drei Aufgaben. Die erste Aufgabe ist die, uns in das Verständnis hineinzunehmen, dass Völker, Nationen eine persönliche Beziehung haben zu ihrem Gott. In Sacharja 11,10 heisst es: «Ich nahm meinen Stab <Huld> und zerbrach ihn, zu lösen den Bund, den ich mit allen Völkern geschlossen hatte.» Gott hat also nicht nur mit Israel diesen einzigartigen Bund geschlossen, sondern er hat auch mit allen Völkern einen Bund geschlossen. Wir sehen, wie Gott immer wieder diese Völker mit meint. Die grossen Propheten wie Jesaja oder Jeremia oder Daniel, aber auch die kleinen Propheten haben nicht nur für ihr eigenes Volk prophezeit.

Zur Zeit Jeremias war der moralische und religiöse Zustand seines Volkes miserabel. Dieser Prophet war im Grunde genommen völlig fixiert auf den Zustand seines Volkes und nur damit beschäftigt, zu verhindern, dass Gott sein Gericht über den Tempel und sein Volk bringen musste. Gleichzeitig aber hat Jeremia über alle umliegenden Völker gewaltige Prophezeiungen gemacht. Ab Kapitel 46 des Jeremiabuches befassen sich fast alle Weissagungen mit fremden Völkern - Weissagungen (oft ganze Kapitel) über Ägypten, über die Philister, über Moab, über die Ammoniter, über Edom, Damaskus, Elam, über Babel. Gewaltig. Auch Daniel hat diesen Blick für die Völker gehabt.

«GESEGNET IST ÄGYPTEN!»
Jesaja 19,20+21 ist ein Schlüsseltext, den auch unsere Freunde von der «Gemeinschaft der Versöhnung» in Jerusalem immer und immer wieder lesen. Dort heisst es: «Das wird ein Zeichen und Zeuge sein für den Herrn der Heerscharen im Lande Ägypten: wenn sie zum Herrn schreien vor Bedrückern, so wird er ihnen einen Helfer senden; der wird den Streit führen und sie erretten. Und der Herr wird sich den Ägyptern zu erkennen geben, und die Ägypter werden an jenem Tage den Herrn erkennen.» Das sagt Jesaja, ein Hofprophet der Juden. Er prophezeit nicht einfach nur für seine Leute, sondern er mutet ihnen das zu, dass er gleichzeitig als Prophet und Priester seines Volkes originale Prophetien hat der Verheissung, der Hoffnung, der Ermutigung ausgerechnet für Ägypten.

Da heisst es weiter: «Die Ägypter werden an jenem Tage den Herrn erkennen; sie werden ihn mit Schlachtopfern und Speisopfern verehren und dem Herrn Gelübde tun und sie erfüllen. Und der Herr wird die Ägypter schlagen, wird schlagen und heilen; und sie werden sich zum Herrn bekehren, und er wird sich von ihnen erflehen lassen und sie heilen. An jenem Tage wird eine gebahnte Strasse von Ägypten nach Assyrien führen; der Assyrer wird nach Ägypten kommen und der Ägypter nach Assyrien, und die Ägypter werden mit den Assyrern den Herrn verehren.» (Verse 21-23)

Und jetzt kommt es: «An jenem Tage wird Israel der Dritte im Bunde sein neben Ägypten und Assyrien» (Vers 24) - stellen wir uns das einmal vor: das sagt dieser Jesaja, einer der ganz grossen Propheten, dem Erstgeborenen, dem Augapfel Gottes! - «ein Segen inmitten der Erde, die der Herr der Heerscharen segnet, indem er spricht: Gesegnet ist Ägypten, mein Volk, und Assyrien, das Werk meiner Hände, und Israel, mein Erbbesitz!» (Vers 24+25) Israel kommt hier sogar an letzter Stelle. Der Herr der Heerscharen segnet Ägypten und spricht: «mein Volk», und Assyrien, «das Werk meiner Hände», und Israel, «mein Erbbesitz».

WEGE DER VERSÖHNUNG
Wir spüren, was für Wege der Versöhnung wir noch zu gehen haben - nicht nur wir, die Nationen; was für Wege der Versöhnung auch Israel zu gehen hat; was für Wege der Versöhnung auch die messianischen Gemeinden gehen dürfen, damit sie in dieser Situation der Bedrängnis, wo sie zwischen Stuhl und Bank sind, hineinkommen in diese Verantwortung, in diese Vaterschaft für die Nationen und diese Hoffnung wieder aussprechen - sei es über Palästinensern oder über dem Libanon und über Jordanien, über Iran und Irak, über Ägypten, mit dem sie zwar einen formalen Friedensschluss haben, wobei die Ägypter aber wieder gegen Israel mobil gemacht haben.
Gott hat einen Bund mit den Nationen geschlossen; er lässt sie nicht einfach. Das ist also das Erste: dass wir durch das Volk der Juden in dieses Verständnis dieser persönlichen Beziehung der Schöpfungsperson eines Volkes hineinkommen.

2. VATERSCHAFT - ISRAEL IST DER SCHLÜSSEL DES SEGENS FÜR DIE NATIONEN.

Israel hat eine Art Vaterschaft, die Gott diesem erstgeborenen Sohn aufgetragen hat, eine Vaterschaft, eine Verantwortung für die Nationen. Israel hat nicht einfach den Segen empfangen, Erstgeborener sein zu dürfen, in Jerusalem diese Hauptstadt zu haben, wo der Tempel gewesen ist und Gott Wohnung genommen hat und wohin Jesus wieder zurückkommen wird, um dort sein Reich aufzurichten. Es gibt hier keine Einbahnstrasse. Vielmehr hat Israel, weil es gesegnet ist, den Urauftrag und den Grundauftrag, diesen Segen in der Fülle an die Völker weiterzugeben - denken wir nur an diese unwahrscheinlichen Gaben des Geistes, des Künstlertums der Seele, die Gott in dieses Volk in einem aussergewöhnlichen Masse hineingelegt hat, um es zu dieser Leiterschaft und Vaterschaft für die Völker zu befähigen.

EIN BETHAUS FÜR ALLE VÖLKER
Darum heisst es schon im Alten Testament im Blick auf Israels Berufung: Eure Aufgabe ist es, ein
«Bethaus für alle Völker» (Jesaja 56,7) zu sein. Der Tempel ist nicht zuerst für die eigenen Bedürfnisse da, sondern es geht weit über das Jüdische hinaus: Im Tempel werden die Nationen im Gebet vor Gott gebracht. Jedem, der über Israel herzieht, und jedem, der Israel anklagt wegen dieser «Apartheid-Politik», dem müsste man wieder das Alte Testament mit seinen grossen Verheissungen für sein Volk als Lektüre empfehlen; wo immer wieder davon die Rede ist, wie das Herz Gottes über sein Volk denkt.

Indirekt hat Gott ja durch die Zerstreuung der Juden unter die Nationen dieses Wort von den Schlüsseln wahrgemacht: Amerika wäre nicht Amerika ohne die Juden; wer hat denn in Amerika solche Durchbrüche erzielt in der Aussenpolitik und die grossen Würfe gemacht? New York ist ein Zion der Juden. Deutschland wäre nicht Deutschland ohne die Juden; die grossen Geister wie Lessing und viele andere waren zu einem grossen Teil Juden. Russland wäre nicht Russland geworden ohne die Juden. Wir Schweizer haben enorm profitiert; wir haben unseren kulturellen Ruf durch die Juden bekommen, als während des Zweiten Weltkriegs die besten Schauspieler der Welt auf unserer Pfauenbühne in Zürich standen.

Was für eine Sehnsucht ist es, dass dieses Volk Israel wieder in seine Bestimmung hineinkommt! Wie gewaltig ist es, was Gott in diesem Volk angelegt hat! Was wird das für ein Segen sein für die Völker und für die Nationen, wenn die Juden wieder in ihre ursprüngliche Berufung hineinkommen - wenn sie ihr Know-how weitergeben, wenn dieses Volk wieder durchbricht aus allem Säkularen und auch Maroden und Kaputten. Viele sehen überhaupt keinen Sinn mehr; und man kann nur hoffen, dass eine junge Generation heranwächst, die im Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs ihren Halt findet und in den prophetischen Worten der Bibel wieder eine Vision, für die es sich zu leben lohnt. Sie müssen nicht zuerst Christen werden, sondern überhaupt wieder eine Vision bekommen, die weiter greift, als gerade nur gegen einen neuen Holocaust anzukämpfen.

Ich kenne einige Rabbiner von den Vereinigten Staaten. Für mich ist es immer wieder eine Frage: Warum gehen sie nicht zurück in das Land ihrer Väter? Ein messianischer Leiter, der die Bibelschule in Jerusalem geleitet hat, hat den Rabbinern von Amerika gesagt: «Wir pfeifen auf euer Geld. Wir wollen euch.» Aber das kann nur geschehen, wenn eine Vision da ist, und wir Christen müssen dafür beten.

«DAS HEIL KOMMT VON DEN JUDEN»
Es geht um unsere Nationen. Der Schlüssel liegt bei den Juden. Sie haben die Autorität von Gott und die Berufung, die Nationen der Welt in diesen vollen Segen hinein zubringen. Der Teufel versucht alles, diese Berufung kaputtzumachen - auch innerhalb des Volkes, dass sie nicht mehr wissen, wozu sie da sind, es sei denn, ihr Leben zu behüten und ihre Selbstständigkeit und Selbstbestimmung zu haben, wo ihnen kein anderes Land mehr dreinreden kann, auch nicht die UNO und auch nicht die Vereinigten Staaten. Sie müssen ihre Berufung wieder kennen, und wir müssen sie ihnen wieder zusprechen: die Vision vom Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs. Und auch die Araber müssen es wissen, die denselben Vater Abraham haben. Sie sollen gesegnet werden durch die Juden. Wenn man das so öffentlich sagt, ist das wie Salz in ihre Wunden. Es klingt für sie fast zynisch. Aber Gottes Wort ist nicht zynisch.

«Das Heil kommt von den Juden», hat Jesus gesagt (Johannes 4,22). Er war selber Jude. Eine Jüdin hat uns diesen Messias geboren, diesen Heiland der Nationen und diesen Retter. 12 Apostel, die Juden waren, haben diese apostolische Autorität der Gemeinschaft der Heiligen freigesetzt. Sie haben an diesem denkwürdigen Apostelkonzil in Apostelgeschichte 15 den Nationen in einer Einmütigkeit und Grosszügigkeit gesagt: «Wir legen euch kein Joch auf; ihr müsst unsere Gesetze nicht halten, nicht unsere Feiertage feiern; ihr müsst nicht beschnitten werden; wir haben unsere gemeinsame Identität im Messias, in diesem einen Namen Jesus. Aber trinkt kein Blut, enthaltet euch vom Götzenopfer und von Unzucht, und unterstützt die hungernde Gemeinde in Jerusalem.» Was für eine Grosszügigkeit. Wir selbst tun den Juden, auch den messianischen Juden, keinen Gefallen, wenn wir uns selber judaisierend geben. Juden sollen Juden sein; aber wir müssen nicht Juden werden, sondern wir sind die Menschen aus den Nationen. Wir haben unsere Aufträge zu erfüllen; und wir haben die Juden zu «reizen» und durch unsere Gebete in die Kraft ihrer Berufung hineinzubringen. Ich habe früher auch Kippahs getragen und fühlte mich recht stolz und jüdisch. Aber das ist es nicht. Die Juden brauchen unseren Schutz; sie brauchen keine Fans. Wenn wir nach Jerusalem kommen, dann sind wir in der Stadt des Grossen Königs. Dann kommen wir als die von den Nationen; und dann wollen wir dort echte Juden sehen. Und dann kommen die Nationen und der Augapfel, das erstgeborene Volk, zusammen.

3: MUTTERSCHAFT - ISRAEL IST OFFENBARUNGSTRÄGERIN FÜR DIE NATIONEN

Vor allem: Das Judentum hat uns die Offenbarung Gottes gebracht. Wir kennen diesen bekannten Ausspruch des preussischen Generals von Ziethen, als Friedrich der Grosse ihn nach einem Gottesbeweis fragte: «Majestät, die Juden.» Die Juden sind der grösste Gottesbeweis: Dass sie nach bald 3000 Jahren Verfolgung und Blutvergiessen, Schmach und Enteignung ihren Gott nicht aufgegeben haben, auch ihre jüdischen Bräuche und Beschneidung und Sabbat nicht an den Nagel gehängt haben, dass sie nicht einfach im Teig der Nationen aufgegangen sind, sondern dass sie ihre Identität bewahrten - immer noch mit den schwarzen Hüten, immer noch mit den Locken, immer noch mit ihren Sabbatfeiern, immer noch mit all diesem auch Verqueren der Orthodoxie - das ist ein Gottesbeweis!

Josua Bösch, ein Schweizer reformierter Pfarrer, hatte in seinem Raum lange Zeit ein angebranntes Papier aufgehängt: Es war der Psalm «Wie lieblich ist es, wenn Brüder einträchtig beisammen sind». Ein Soldat hat es in einem jüdischen Ghetto (ich glaube, es war in Warschau) gefunden, hat es nach Hause gebracht und dem Josua gegeben. Was sind das für Menschen, die durch diese Ghettoerfahrungen hindurchgehen? Ich habe vom Warschauer Ghetto einen dicken Band zu Hause mit all diesen Bildern. Unvorstellbar. Und wie die Juden in diesen Ghettos drin noch Schulen gehabt haben, Kinder trainiert haben, Schach gespielt haben - mitten in diesen Ghettos, wo es eigentlich nur noch ums Überleben ging. Und wie sie an eine Zukunft geglaubt haben, obwohl sie dann alle abgeführt wurden. Ein Volk, das an seine Zukunft geglaubt hat, das ist der Gottesbeweis.

EIN UNVORSTELLBARER GOTT
Und dieses Volk hat uns die Offenbarung Gottes gebracht. Man kann das Alte Testament nicht lesen, ohne ganz tief getroffen zu sein von der Offenbarung dieses Gottes. Wenn Jesus sagt,
«wer mich gesehen hat, der hat den Vater gesehen» (Johannes 14,9), dann sieht man diesen Vater Abrahams, Isaaks und Jakobs, diesen unvorstellbaren Gott, dessen Herz sich dem Erstgeborenen Sohn öffnet; einen Gott, der seinen eigenen Namen auch in Misskredit bringt, weil er zu diesem Erstgeborenen steht; einen Gott, der Völker preisgibt für diesen Erstgeborenen: «Ich gebe Ägypten als Lösegeld für dich ... weil du teuer bist in meinen Augen, wertgeachtet, und ich die lieb habe.» (Jesaja 43,3+4) Was hat dieser Gott eingesteckt für seine Liebe zu diesem Erstgeborenen, diesem störrischen Volk, diesem halsstarrigen, diesem verqueren Volk? Die grössten Propheten, die diese Welt je gesehen hat, haben Tag und Nacht gerufen. Immer und immer wieder hat Gott seine Knechte und Mägde geschickt und seine Hände ausgestreckt. Gewaltige Geschichten! Was waren das für Offenbarungen von Gottes Herzen!

ISRAEL HÄLT UNSER GEWISSEN WACH
Denken wir vor allem an die Gottesknechtlieder in Jesaja ab Kapitel 40. Wir beziehen sie auf den Messias. Aber diese Gottesknechtlieder sind gleichzeitig auch Lieder dieses Knechtes Gottes, nämlich Israel. Auch die Juden waren wie Schlachtschafe. Auch sie haben nichts gegolten, hatten keine Schönheit. Auch sie haben den Rücken hingehalten und wurden geschlagen. Auch sie hat man angespien. Natürlich, sie haben keine Sünden getragen, sind nicht für uns zur Sünde gemacht worden. Aber dieses Volk hat eine Erinnerung bewahrt an das, was Sünde ist, um das Gewissen wach zu behalten, dass es einen lebendigen Gott gibt, der ein verzehrendes Feuer und heilig ist - auch in seiner ganzen Nähe und Vaterschaft, die er uns gebracht hat in der Fleischwerdung seines Sohnes Jesus Christus.

Die Juden haben uns das Gewissen diesem heiligen Gott gegenüber geweckt - nicht zuletzt durch ihre eigene Geschichte, in der Gott sie preisgegeben hat und dieser Fluch über ihnen eingelöst worden ist. Es waren nicht einfach nur alles die Machenschaften der Völker (ja, das ganz sicher; und sie werden dafür gerichtet, sagt Gott in seinem Wort). Aber es war auch ein Stück Zulassung, weil dieses Volk sich von seinem Gott abgewandt hat und Gott darauf zu seinem Volk gesagt hat: «Ich gebe euch preis.» Dieses Volk, das mit den Römern zusammen Jesus zur Hinrichtung gebracht hat (nicht weil sie die Gottesmörder waren, die sind wir alle, ich und du), war verblendet und hat damit etwas offenbart vom Wesen des Menschen, von der Sünde des Menschen, von der Tiefe des Herzens. Am Kreuz ist etwas vom Wesen dieses Menschenherzens offenbar geworden. Darum sind auch die Juden die grössten Psychologen, Freud und andere. Sie haben dieses Herz gekannt.

Paulus sagt in Römer 9, in diesem berühmten Passus, dass er Schmerz leidet um seine «Brüder nach dem Fleisch»: «Ich sage die Wahrheit in Christus, ich lüge nicht - dafür legt mit mir mein Gewissen Zeugnis ab im heiligen Geist -, dass ich grosse Traurigkeit und unablässigen Schmerz in meinem Herzen habe. Denn ich wünschte, als ein Verfluchter selber fern von Christus zu sein zum Besten meiner Brüder (wenn damit meine Brüder gerettet werden könnten), meine Verwandten dem Fleische nach, die ja Israeliten sind ...» (Römer 9,1-4)

Hier kommt das Stichwort «Israeliten». Da klingt alles mit, die ganze Geschichte des Volkes! Das Davidische Reich klingt mit; die Richter klingen mit, die Propheten, die Exile. Alles klingt mit. Die «Israeliten» - denen die Annahme an Sohnes Statt gehört, die Gegenwart Gottes, die in der Stiftshütte war, 40 Jahre lang - in der Feuerwolke in der Nacht und in der Wolke am Tag, dann im Tempel, wo auf das Gebet der Priester hin Feuer vom Himmel fiel und die Gegenwart Gottes den Raum erfüllte, weiter die Bündnisse, die Gesetzgebung.

«ICH LEBE, UND DU SOLLST AUCH LEBEN»
Auch das Gesetz ist Offenbarung dieses Gottes - hier spricht ein gnädiger, barmherziger Gott, langmütig und von grosser Güte. In den Geboten schlägt Gott dir nicht zwei Steintafeln über den Kopf- «du sollst, du sollst, du sollst!» -, sondern das ist ein Werben der Liebe Gottes. Das ist eine Offenbarung. Bis heute haben die Juden verstanden: Das Gesetz ist eine Offenbarung des Herzens Gottes. Es ist ein Vorrecht, ein Privileg zu wissen, was zum Leben dient; was im Herzen Gottes für Wünsche sind, damit man diesem Gott zuliebe leben kann, wo wir nicht ständig zu grübeln brauchen, was ich noch tun muss, damit der Vater Freude hat.

Gott offenbart seinem Bündnispartner sein Herz und sagt (2. Mose 20): «Ich bin der Herr, dein Gott. Ich hab dich aus Ägypten, aus der Sklaverei herausgeführt. Du brauchst keine anderen Götter neben mir. Du musst dir kein Gottesbild machen, ich bin immer grösser, nochmals anders als alle Bilder, die du von mir machst. Heilige meinen Namen, fluche nicht. Missbrauche ihn nicht, vor allem nicht religiös. Sprich nicht ständig: Herr, Herr, Herr. Tu meinen Willen, dann wirst du leben. Und heilige den Sabbat. Nicht damit du eine religiöse Übung machst, sondern damit ich mit dir Gemeinschaft haben kann, damit ich mit dir am Tisch sitzen kann und du spürst, ich bin ein Gott der Freude, des Lebens, der dir den Tisch deckt; wo es einen Tag gibt, an dem es nicht mehr um Termine geht und um religiöse Übungen, sondern wo es einen Tag gibt, an dem du zusammen mit deinem Gott feierst.»

DER FLUCH DES GESETZES
Diese Gebote sind alle Offenbarung Gottes. Wenn Paulus dagegen von dem «Gesetz» spricht, meint er etwas völlig anderes. Wir dürfen diesen «Fluch des Gesetzes», wie Paulus es in Galater 3,13 ausdrückt, nicht einfach auf die Offenbarung übertragen. Paulus spricht von jenem Gesetz, das zum Buchstaben wird, das nicht mehr Leben zeugt und nicht mehr eine Quelle von Freude ist, die Leben eröffnet. Er spricht von dem Versuch, aus Werken des Gesetzes selig werden zu wollen und nicht durch die Gnade Gottes. Viele Juden glaubten damals, sie seien gerechtfertigt, weil sie dreimal die Woche fasteten und von allem den Zehnten gaben und mit erhobenen Armen in den Strassen beteten. In diesem Zusammenhang sagt auch Jesus: Nicht der Fromme, sondern der Zöllner ist gerechtfertigt, der sich an seine Brust geschlagen hat (Lukas 18,14).

Was wären wir ohne das jüdische Volk, welches uns diese gewaltige Offenbarung gebracht hat, und vor allem dann die grösste Offenbarung in dem Menschen- und Gottessohn Jesus, den sie selber in ihrer Mehrheit gar nicht erkannten und gekreuzigt haben, damit durch diese Kreuzigung, dieses «göttliche Muss», die ganze Welt errettet wird. «Wenn ihre Verwerfung die Versöhnung der Welt geworden ist», sagt Paulus dazu in Römer 11,15, «was wird ihre Annahme anders sein als Leben aus den Toten?» In diesem Akt der Auferstehung von den Toten wird Gott ganz Israel noch einmal zurückführen und aufrichten.

GEBET:
Vater, wir danken dir, dass du dich in dieser Schöpfungs- und Menschheitsgeschichte als Gott zu erkennen gegeben hast und uns in diesem jüdischen Volk nahe gekommen bist, dass wir, die Völker, deine Herrlichkeit sehen konnten.

Wir danken dir, dass es einen Gott gibt, der auf Erden Wohnung nimmt in einem Volk; dass das kein unnahbarer Gott ist, kein ferner Gott; dass es ein Gott ist, der spricht durch Propheten, durch Knechte, durch die Botschaft der Gebote und Gesetze; dass es ein Gott ist, auf den Verlass ist, der sein Wort unbedingt hält, der über Hunderte und Hunderte von Jahren sein Volk wieder zurückgeführt hat, weil er es geschworen hat.

Wir danken dir so herzlich, Gott, für diesen gewaltigen Spiegel deiner Offenbarung in diesem Volk. Und wir ehren dieses Volk. Wir sehen dein Antlitz in diesem Volk; nicht aus der Seele heraus, sondern weil du dich über dieses Volk geneigt hast und weil du sie erwählt hast, dass durch sie hindurch Segen in die Völker fliessen soll.

GERI KELLER
Pfarrer der ref. Kirche, zusammen mit seiner Frau Lilo Gründer der Stiftung Schleife.

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(Letztes Update: 19.07.2008)